MUTTER- UND VATERSCHAFT

Am 27. September hat sich das Schweizer Stimmvolk JA gesagt zum zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub. Den passenden Text dazu habe ich tief unten in einer meiner Schubladen gefunden, geschrieben vor ein paar Jahren. Anmerkung: "schaffen" ist ein Helvetismus und bedeutet soviel wie arbeiten. 

 

Schaft, der

a) dient häufig der Handhabung bei Werkzeugen und Waffen

b) Stamm des Baumes zwischen Wurzel und Kronenverzweigung

c) mittelhochdeutsch schaft, althochdeutsch scaft, ursprünglich = Speer, Speerschaft, 

 

Mutterschaft!

Nicht Mutterplausch oder Mutterpause, 

auch nicht Mutterurlaub.

Nein! MutterSCHAFT und MutterSCHAFTsurlaub.

 

Die Mutter schafft. 

sie erschafft 

Sie muss es schaffen.

Sie schafft, 

sie schafft’s! 

Und die Partnerschaft und Elternschaft und Freundschaft und Verwandtschaft?

Die schafft sie nicht allein. 

Dafür braucht es mehrere.

mindestens zwei.

SIE schaffen

SIE schaffen’s!

 

Die Herrschaft aber gehört den Herren,

meine sehr verehrten Damen und Herren!

Herrschaft und Mannschaft,

das ist was für Männer!

 

ER schafft

ER ER-schafft

ER schafft`s!

Was ist mit dem Vater? 

Mit der Vaterschaft?

Auch der Vater schafft!

Immer noch mehr im Geschäft,

mit mehr Prozenten auswärts.

Zumindest bei uns.

Bei uns zieht SIE den Karren daheim.

aber die Karriere, die schafft sie häufig nicht

es ist eine Karri – ER - e 

keine Karri – SIE – re auch 

keine Karri – SIE und ER – e

nein, die Karriere, die schmeisst sie meistens.

 

eben

und trotzdem schmeisst sie den Laden daheim

zieht sie den Karren

sie schafft

ist geschafft.

schafft sie es?

SIE ER-schafft

 

SIE - und -ER - schaft

so schaffen sie ES!

WO GESCHICHTEN SPRIESSEN

 

Vorletztes Wochenende durfte ich im Hinterzimmer einer wunderbaren Buchhandlung Lilly und eine selbstbewusste junge Dame, mit roten Glitzerschuhen kennenlernen. Dorthin verlagerte ich mein Atelier für ein paar Stunden. Wer im „Proviant, Kinder- und Jugendbücher“ vorbeischaute, hatte die Möglichkeit einen Moment im Entstehungsprozess eines Bilderbuches mitzuerleben und mir Fragen zu stellen und die zwei Mädchen hatte jede Menge davon zum Beispiel: „Warum kannst du so gut zeichnen?“


Lange dachte ich, ich sei der einzige Zeichnungs-Nerd der Familie, bis ich auf dem Estrich zufällig die Mappe meiner Mutter mit Aquarellen drin fand. Sie hatte ihr Talent unter Kinder- und Haushaltskram verstaut und verstauben lassen. Sie stellte mir eine Schachtel voller Stifte auf den Küchentisch. Daneben Computerpapier mit perforiertem Rand und pastellfarbiger Lineatur. Sie kochte und machte den Abwasch, ich zeichnete. Immer. Danke Mami.

 

Förderlich war auch, dass die gängige Unterrichtsform in der Schule Frontalunterricht war. Dies führte dazu, dass ich während der Unterrichtszeit meistens am Zeichnen war, nämlich immer dann, wenn mich der Schulstoff nicht interessierte. Ein Stift und ein Blatt Papier waren für mich das weisse Kaninchen, das mich in die Welt der Geschichten lockte, die ich beim Zeichnen bereiste. 

 

Den Preis dafür habe ich nie bereut, bezahlt zu haben: Eine ungenügende Mathematik- und Wirtschaftsnote im Maturazeugnis. 

Die Maslowsche Bedürfnispyramide gehört zu den wenigen Dingen, die aus den Wirtschaftsstunden trotzdem hängen geblieben sind. In diesem Modell kategorisiert Maslow die Bedürfnisse nach Priorität. Wo ist darin das „Bedürfnis nach Geschichten“ einzuordnen? Am naheliegendsten ist, dass es sich um ein soziales Bedürfnis handelt. Geschichten sind eine Form der Kommunikation.

Die sozialen Bedürfnisse gehören laut Maslow zu den Defizitbedürfnissen. Wenn diese nicht be-friedigt werden, hat das psychische oder physische Störungen zur Folge.

Was bleibt dem Menschen, wenn er einsam und voller Angst ist, wenn er Hunger, Durst und kein Dach über dem Kopf hat? Er kann in seine Erinnerungen, Gedanken und Geschichten flüchten. Es gibt keine Möglichkeit zu untersuchen, ob der Mensch ohne Geschichten überlebensfähig wäre. Man kann einem Menschen die Geschichten nicht wegnehmen. 

Jedes Leben ist ein Flickenteppich aus Geschichten. 

Vielleicht hat von allen Lebewesen nur der Mensch die Gabe Geschichten einzufangen, zu verändern und weiter zu geben. Aus dieser Gabe heraus entstehen wunderbare Orte, in und aus welchen wiederum neue Geschichten spriessen. 

Einer dieser Orte ist die Kinder- und Jugend-buchhandlung Proviant neben dem Spalentor in Basel. Der Ort an dem sich in einem mehr-deutigen Sinn viele Geschichten versammelt haben. Einerseits zwischen den Seiten der Bücher in den Regalen und andererseits in den Lebensgeschichten, die sich hinter den Wünschen nach dem passenden Buch verbergen. Geschichten, die erzählt werden, weil die Besitzerin eine sehr begabte Zuhörerin ist. Was sie hier macht, ist viel mehr als Buchberatung! Hier ist ein Ort, an dem sich Menschen getrauen ihre Geschichten zu erzählen, an dem Mädchen wie Lilly mit den goldenen Locken oder ihre Kollegin mit den roten Glitzerschuhen ihre Fragen stellen und ein Ort, an dem ich mir ein paar Stunden lang vorgekommen bin, als sei ich selber in einem Buch daheim. 

Herzlichen Dank, Sandra, dass ich dieses Erlebnis nun zu meinen Geschichten zählen darf. 

Muttenz, 25. Juni 2020